Die copy & paste-Abgeordneten (Update)

Es muss ja nicht gleich eine Doktorarbeit sein.

Auch in ihren Antworten auf abgeordnetenwatch.de bedienen sich manche Politiker fremder Texte, ohne dies in irgendeiner Form kenntlich zu machen. Bevorzugte Quelle für die Abkupferei: Wikipedia.

Dringender Plagiatsverdacht besteht immer dann, wenn eine Antwort zahlreiche Links zu wikipedia.org enthält, die scheinbar wahllos in einen Satz eingestreut sind und deswegen den Lesefluss stören. In solchen Fällen hat der Politiker (oder sein Mitarbeiter) wahrscheinlich einen Wikipedia-Text eins zu eins oder in Auszügen samt Links auf weiterführende Wikipedia-Artikel herauskopiert und einfach in die Antwort bei abgeordnetenwatch.de eingesetzt. Dass dabei die Links auf die anderen Wikipedia-Artikel übernommen wurden, fiel den Autoren der Antwort Absendern offensichtlich nicht auf. Vier Beispiele:

Die ehemalige Bundestagsabgeordnete Petra Heß borgte sich 2009 in dieser Antwort...

... einen Absatz aus dem Wikipedia-Artikel über den "Afghanistan Compact":

Die Europaabgeordnete Doris Pack verließ sich im Wahlkampf 2009 auf die Formulierkunst der Wikipedia-Gemeinde. In ihrer Antwort zum Thema "Gender Mainstreaming" ...

 

... wird weder Wikipedia als Quelle genannt noch die Autoren Holz und Neusüß erwähnt, aus deren Werk die Definition offenbar stammt:

Auch der heutige Kölner Oberbürgermeister Jürgen Roters setzte im Wahlkampf 2009 auf die Weisheit der Vielen und kupferte in einer Antwort zur "Ordnungspartnerschaft"...

... aus einem Wikipedia-Artikel ab:

Äußerst großzügig bediente sich 2007 der Bundetagsabgeordnete Stefan Müller in einer abgeordnetenwatch.de-Antwort zum Thema "Grundschuld" ...

 

... in der Wikipedia:

 

Wie es richtig geht, können die Damen und Herrn Müller, Roters, Heß, Pack und Guttenberg z.B. dieser Antwort auf abgeordnetenwatch.de entnehmen:

Nachtrag von 10:55 Uhr:

Ein Kommentator weist darauf hin, dass das oben aufgeführte Beispiel ("Wie es richtig geht...") den Kern nicht trifft, da hier keine wörtlichen Passagen übernommen wurden. Deswegen sei nachfolgend ein Beispiel dafür genannt, wie es wirklich, wirklich richtig geht (wenn Zitate verwendet werden):

Update vom 21.2.2011: Der Kölner Express schreibt heute: "Plagiat? Blogger nimmt den OB aufs Korn" In dem Text heißt es:

Auf abgeordnetenwatch.de hat der damalige OB-Kandidat Roters im Wahlkampf 2009 Fragen von Bürgern beantwortet, etwa zum Thema „Freiheit und Bürgerrechte“. Dabei verweist Roters auf die Kölner „Ordnungspartnerschaft“ zwischen Stadtverwaltung und Polizei. Reyher behauptet, dass Roters die Beschreibung der Ordnungspartnerschaft bei Wikipedia abgeschrieben hat. Ein Skandal. Muss der OB jetzt zurücktreten? Nein, muss er nicht! Roters dreht den Spieß einfach um: „Sollte etwa Wikipedia es versäumt haben, die Quelle dieser Definition, wie sie in Fachgremien entwickelt wurde, anzugeben?“, fragt der OB. Wohl zu Recht. Denn er hat Ende der 90er Jahre als Polizeipräsident die „Ordnungspartnerschaft“ selbst entwickelt. Und demzufolge bei sich selbst abgeschrieben…

Das ist doch mal eine Erklärung!

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Kommentare

ws hat markus söder (csu) eigentlich auf seine dissertation erhalten? hat er sie mit summa cum lauda bestanden?

Ich wundere mich über nix mehr. Man nehme nur einmal die vielen Halbwahrheiten - für mich sind das ganze Lügen, mit denen unsere Politiker uns zu manipolieren versuchen. Selbst wenn eine anstehende Entscheidung öffentlich strittig, im Sinne auch von rechtlich umstritten, ist, haben "linientreue" Koalitionäre keine Hemmungen, das krasse Gegenteil zu behaupten. Zu lügen scheint mir, wird von vielen Politikern so selbstverständlich angesehen wie in der Werbung, nur diese ist inzwischen für jeden so durchsichtig, dass man sie nicht mehr ernst nimmt. Das "Geschäft" der Politik sollte aber wohl mit anderen Wertmaßstäben ausgeübt werden - oder?

als Wikipedia hat die Informationen ja nicht "zack" erfunden, sondern wurde mit solchen gefüttert.
Schon mal darüber nachgedacht, ob nicht Wiki die Textpassagen von dem Autor/Politiker übernommen hat?

Zum Kölner OB zB.

Er hat Ende der 90er Jahre als Polizeipräsident die „Ordnungspartnerschaft“ selbst entwickelt. Und demzufolge bei sich selbst abgeschrieben… (laut Zeitung) (Ps: dieser Satz wurde kopiert.)

Also immer alles in Frage stellen, auch vermeintliche Enthüllungen

Wer Abgeordneten Fragen stellt, die sich durch Wikipediatexte beantworten lassen, hindert sie nur an ihrer eigentlichen Arbeit. Abgeordnetenwatch sollte vielleicht auch mal klar machen, dass Mandatsträger sich auf fremde Texte - und seien es die von ihren eigenen Fraktionen - verlassen müssen, wenn sie nicht ihr eigenes Fachgebiet betreffen. Der Demokratie dient man nicht durch das Wecken unerfüllbarer Erwartungen.

@Karsten Möring
Leider gehen die meisten Abgeordneten überhaupt nicht auf die Fragestellung ein, sondern antworten nur mit Allgemeinplätzen.

Da ist was dran, aber rechtfertigt das Diebstahl, der ganz billig und kurz vermeidbar wäre? Rechtsklick auf "Seite zitieren", Link kopieren und hier einfügen. Das geht sogar schneller, als Textteile zu markieren und hier einzufügen...

wie herrlich doof die doch sind. ob man denen den tipp zukommen lassen sollte, dass man texte mit eingebauten links im text editor zwischenspeichert?
nein

Das zeigt nicht, wie doof Politiker sind sondern dass die Antworten von Praktikanten geschrieben wurden.

Politiker, die Antworten von Praktikanten schreibenlassen, sind eben doch "doof".

Das angefuehrte Beispiel "wie es richtig geht" taugt nichts, da es darin keine kenntlich gemachten Zitate mit ordentlicher Quellenangabe gibt, sondern nur einen Verweis auf einen weiterfuehrenden W.pedia Eintrag.

Egal, ob Praktikant oder selbst kopiert: das zeigt mal wieder, welchen Stellenwert die Antworten und Fragen bei diesen Volksvertretern besitzt. Sie setzen sich nicht wirklich damit auseinander, ergo ist es ihnen egal. So lange egal, bis auch der Letzte hier merkt, wie es um seinen Abgeordneten bestellt ist und dies bei den nächsten Wahlen hoffentliche zum Ausdruck bringt. Sie sitzen warm und sicher auf ihren Stühlen... denken sie.

Es besteht allerdings ein grundsätzlicher Unterschied zwischen einer wissenschaftlichen Arbeit und einer Diskussion im Internet.

Diskussion? Wat für ne Diskussion?

Das sind ganz normale persönliche schriftliche Aussagen/Antworten auf ganz persönliche Fragen. Und seit wann ist denn hier der Betrug erlaubt und dort der Betrug plötzlich nicht mehr und ich kann einfach fremde Aussagen als meine persönliche Meinung wortwörtlich abgeben? So ein Unsinn...! Betrug bleibt Betrug.

Der einzige Unterschied ist der, dass die Schwere der Schuld unterschiedlich ist, weil die Bedeutung der Schriftstücke anders ist, so dass der betrügende Minister seinen Titel verloren hat, während die betrügenden Abgeordneten hier wohl etwas glimpflicher davonkommen und man sich nur kurz über ihrer (sorry, aber das mit den nicht entfernten zusätzlichen Links:) dämliche Kopierarbeit lustig macht. Aber auch die unterschiedlich schwere Bewertung des selben Tatbestandes bei unterschiedlichen "Umgebungsvariablen" ist essentieller Bestandteil unseres Rechtssystems.

Wie doof seid ihr alle eigentlich? Wer schreibt denn wohl solche Dinge?

Mitarbeiter, im Notfall Studenten die beim MdB arbeiten.

Naja.

Und Alpha1: Mach du mal den Job als MdB, oder arbeite am Tag so viel wie einer, dann darfse mitreden.

Wie man richtig richtig richtig einen Wikipediaartikel zitiert, steht bei jedem Wikipediaartikel in der linken Spalte unter "Werkzeuge" -> "Seite zitieren" und dann kommt so etwas dabei heraus:
Seite „Zitat“. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 4. Februar 2011, 16:20 UTC. URL: http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Zitat&oldid=84852064 (Abgerufen: 18. Februar 2011, 18:02 UTC)

Denn Wikipedia ist in seiner online Version nicht wie ein Publiziertes Buch, dessen Auflage man angeben könnte: Wikipediaartikel verändern sich häufig, manchmal mehrfach am Tag, ein Link auf den Artikel reicht also nicht als richtig richtiges Zitat.

Bitte nachmachen!

Der Link zeigt auf eine bestimmt Version des Artikels. Dies ist 1. an der URL selber zu erkennen (der Parameter "oldid") 2. gibt es einen entsprechenden Hinweis direkt unter dem Titel. zusätzlich kann man sich dort die Unterscheide zu der aktuellen und anderen Versionen anzeigen lassen. Diese alte Version lässt sich auch nicht manipulieren.

Ich frage mich echt wie manche Leute sich das vorstellen... Eine Doktorarbeit ist etwas, für das ein ehrlicher Bürger mindestens 7 Jahre arbeitet (3 Jahre Bachelor, 2 Jahre Master, 2 Doktor). Wenn man sich diese Arbeitsleistung einfach so aus dem Nichts zaubert, dann macht man damit die Arbeit anderer zunichte und hintergeht alle Welt!
Das kann so nicht richtig sein!
Um mal einen Vergleich zu ziehen: In 7 Jahren verdient man bei mittlerem Gehalt 140.000 €. Das heißt eine Doktorarbeit zu fälschen ist wie nen 500€ Schein 280 mal kopieren und das Geld ausgeben. Mit diesem Vergleich wird es vielleicht deutlicher!

Ich finde das gut, dass die Politiker abkupfern. Dann sagen sie wenigstens 1mal was vernünftiges...

Alle ins Gefängnis stecken wegen Urheberrechtsverletzung.

Bei Raubmordkopierer und Ausbau von Kopierschutzgesetzen sind die schließlich auch nicht sparsam.

Schön gemacht die Recherche. Aber es fehlen noch andere sog. 'Dr.' aus den Landesparlamenten; da geht es nämlich auch grad so.
Der Landwirtschaftsminister aus Mecklenburg-Vorpommern, Dr. Backhaus, hat seinen Dr.Titel auch unter dubiosen Umständen erworben. Sein Doktor-Vater hatte nämlich genau zu der Zeit, als Min. Backhaus seinen Titel machte, 2 Aufträge des Landes laufen. Näheres dazu hier:

http://www.focus.de/politik/deutschland/affaere-fragwuerdige-wuerde_aid_...

Die ungekennzeichnete Übernahme von Wikipedia-Artikeln ist eine Sache. Anders sieht es aus, wenn Inhalte fremder Webseiten übernommen – hier kommt ein rechtlicher Aspekt ins Spiel.

Wer sich ebenfalls fremder Texte bedient und welche Bedeutung dies für die politische Kommunikation, aber auch direkt für den Bürger hat: http://www.bundestagsradar.net/?p=298

Eine Antwort auf abgeordnetenwatch.de ist keine wissenschaftliche Arbeit, so dass ich persönlich daran nicht den Anspruch erhebe, dass eventuelle Passagen, welche aus Wikipedia stammen, entsprechend kenntlich gemacht werden.
Im Gegenteil, wenn der oder die Abgeordnete meine Frage - zur Not mit Wikipedia - umfassend beantwortet, bin ich zufriedener, als wenn sie oder er Allgemeinplätze im typischen Politiker-blabla von sich geben, was lieder häufig der Fall ist.

"Eine Antwort auf abgeordnetenwatch.de ist keine wissenschaftliche Arbeit"...

...hat auch niemand behauptet. Das ist ein typisches Politikerverhalten: Antworten geben, zu denen niemand eine Frage gestellt hat. Trotzdem sind fremde Quellen (überall) als solche zu kennzeichnen und nicht als eigene auszugeben. Wenn der Wikipedia-Artikel so gut ist, hätte doch ein Link dahin gereicht. Warum kopieren und so tun, als ob es das eigene Werk wäre und man ein paar ganz wichtige Worte formulieren könnte?

Das Beispiel des OB Roters zeigt auf, wie schnell jemand in falschen Verdacht geraten kann.

Auch bei zu Guttenberg wurden (angebliches) Original und (angebliches) Plagiat nebeneinander gestellt, um ein Kopieren durch zu Guttenberg plausibel zu machen. Ich habe mir dann ein Beispiel angesehen und stellte erstaunt fest: zu Guttenbergs Fußnote war ausführlicher und enthielt wesentlich mehr Details als die Fußnote des angeblichen Originals.

Sooo ein fleißiger Plagiator wie in den Medien dargestellt war zu Gutenberg anscheinend also doch nicht, und es wäre schön, wenn er zumindest von den unberechtigten Vorwürfen entlastet würde.

Abkupfern?
Übrig ist und das was bleibt, was einer ab vom anderen schreibt.

Ist auch nur ein Zitat aus einem Buch doch es ist passend.

Wer viel liest und sich bildet, besucht auch mal eine "Bildungseinrichtung". Dort gibt es für genauestes Kopieren die beste Note.

Wer sich der Anstrengung unterzieht, sich einen Standpunkt zu erarbeiten, läßt sich auch von anderen Standpunkten beeinflussen und übernimmt sie teilweise auch, natürlich oft aus eigenen Gründen.

Muß ich bei jedem Buchstaben den ich verwende dahinter schreiben Schriftart und entwickelt von...?

Mir ist ein fundierter Standpunkt und der dann gut begründet, hundertmal lieber als Floskeln der Art wie "Das ist eine sehr gute Frage."
Abgekupfert würde sie sogar mehr Gewicht bekommen, dann sind mindestens schon mal 2 Leute der gleichen Meinung.

Doch habe ich gelernt, dass sich unter markwirtschaftlichen Gesichtspunkten alles ums Geld drehen muß. Geld ist ein Gegenwert für eine Leistung habe ich mal gelernt.
Und ich habe aus dem Motorenentwickler Rudolf Diesel meine Lehren gezogen.

Krallen wir uns also auf jede erdenkliche Art so viel Kohle es irgend geht.
Mit nem halbwegs legetimierten Titel geht das natürlich viel leichter.

Meiner Meinung nach geht es hier nicht um mehr oder weniger gutes Auswendiglernen sondern das gerade in solchen Situationen Geld und Leistung in argem Misverhältnis stehen.

Und in der Politik geht es ja bekanntlich nicht um wahrheiten sondern um Mehrheiten.
Danken wir Typen wie unserern Oberkopieren doch dafür, daß sie Meinungen im Volk verbreiten. Und betrachten wir sie als das was sie sind: eben nur Politiker.

P.G.

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